“Das Problem mit dem Sprachenbasteln” – eine Antwort

  • Dies ist die Übersetzung eines englischsprachigen Beitrags (click for English version), den ich bereits im Juni 2011 geschrieben habe. Da scheinbar ein größeres Interesse an diesem Beitrag bestand, dachte ich, es wäre eventuell sinnvoll, ihn auch ins Deutsche zu übersetzen.

Mein Kunstsprachler-Kollege Vecfaranti hat auf dem ZBB vor ein paar Wochen einen zum Nachdenken anregenden Beitrag geschrieben. Leider habe ich es erst jetzt geschafft, ihn zu lesen, aber ich möchte ihn trotzdem teilen und auch mit meinen eigenen Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema antworten. Bitte sei so nett, den Thread nicht von den Toten auferstehen zu lassen, wenn es heute Monate seit dem 24. Mai 2011 her ist. Ich werde im Folgenden Auszüge aus Vecfarantis Forenbeitrag (in Übersetzung) wiedergeben und meinen Kommentar darunter schreiben. Also ohne weitere Umschweife —

Kunstsprachen benötigen Kontext. Manche Kunstsprachen wurden für die moderne Welt geschaffen, obwohl das immer mehr zurückgeht. Die meisten Kunstsprachen, die von ZBB-Mitgliedern geschaffen werden, sind künstlerische Sprachen und für fiktive Völker gedacht. Aber vielen von uns macht das Erschaffen von Sprachen viel mehr Spaß als das Erschaffen ihrer […] Sprecher.

Ayeri ist auch als Sprache gedacht, die irgendwie mit einer fiktiven Welt verbunden ist, nicht sehr unähnlich der unseren. Trotz allem kann ich auch sagen, dass es eine Art persönliche Sprache für mich geworden ist, also auch Wörter für Dinge enthält, die vielleicht in der Welt, in der die Sprecher meiner Sprache leben sollen, existieren oder auch nicht. So zum Beispiel Fernsehen, Internet oder Auto. Die Notwendigkeit hierfür hat sich ergeben, indem ich den einen oder anderen Tagebucheintrag in der Sprache geschrieben habe, aber auch, indem ich Übersetzungsübungen auf dem ZBB gemacht habe, bei denen ich mir nicht die Mühe machen wollte, sie kulturell anzupassen. Wann immer ich kann, versuche ich entweder, die Bedeutung schon existierender Wörter metaphorisch zu erweitern1 (natürliche Sprachen scheinen das sehr oft zu tun!), oder ich lehnübersetze diese Wörter2 und entlehne sie als Fremdwörter nur als letzten Ausweg. Allerdings geschieht dieses Entlehnen zumeist aus der Sprache, in der ich hauptsächlich arbeite: Englisch. Sogar „universums-interne“ Entlehnungen sind schwierig, weil, wie Vecfaranti beobachtet, Kunstsprachen Kontext bedürfen und ich habe davon nicht viel.3 Ayeri ist technisch gesehen die dritte Sprache, an der ich arbeite, aber ich habe die „Namenlose Sprache“ und das Daléische, die ich beide 2002 während des ersten halben Jahres meiner Sprachbastelei erschaffen habe, komplett aufgegeben. Auch muss ich sagen, dass mein Interesse an Sprachen viel größer ist als an den Leuten, die sie sprechen. Kulturwissenschaften, Geschichte und Soziologie sind eben nicht mein Hauptinteresse. Eine glaubwürdige, naturalistisch komplexe Kultur um meine Kunstsprache herum zu erschaffen und zusätzlich dazu noch (eine) Kunstsprache(n) detailliert auszuarbeiten, erscheint mir in der Tat ziemlich „ermattend“. Und ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wo ich anfangen soll, daher mein Zögern, zumindest irgendeine Kulisse zu entwerfen.

Schreibst du ein Buch, für das du sie entwickelst? Machst du einen Film? Oder entwickelst du sie bloß um des Entwickelns willen und um sie auf einer Webseite in Lexikonform zu präsentieren? Was mich zu dem anderen Problempunkt führt. Keiner liest gerne Grammatiken. […] Und die meisten Leute haben nicht die tiefgehenden Kenntnisse, Aspekte von Grammatiken außerhalb von Phonologie und vielleicht rudimentärer Morphologie zu beurteilen. […] Was der Grund dafür ist, dass die meisten Threads über detailreich ausgearbeitete Grammatiken in dieser Gegend nicht viele Antworten erhalten.

Meine Arbeit an Ayeri ist eine Art Selbstzweck, obwohl sie auch dabei hilft, Linguistik als Disziplin zu erforschen, was mir wiederum hilft, mehr über die Dinge zu lernen, indem ich mich mit ihnen beschäftige. Was mich persönlich betrifft, muss ich zugeben, dass es mir keine Freude macht, mich hinzusetzen und Grammatiken von vorne bis hinten durchzulesen – sowohl die von natürlichen als auch von Kunstsprachen. Hier und da kleine Stücke zu entdecken ist interessanter, obwohl es mich Willen kostet, mich hinzusetzen und einen sprachwissenschaftlichen Aufsatz zu lesen, und ich habe keine Lust, das dauernd zu tun. Außerdem hat mein Wissen selbstverständlich weiße Flecken in den Gebieten, über die ich noch nichts für die Arbeit an meiner eigenen Kunstsprache gelesen habe, weil ich Linguistik nie formal studiert habe. Meiner Erfahrung nach, ist der Erfolg in Sachen Rückmeldung größer, wenn man Forenbeiträge zu kleinen Aspekten veröffentlicht, denen man begegnet und zu denen man anderer Leute Meinung hören möchte, anstatt einfach einen Link zu seiner Grammatik zu posten und zu sagen: „Diskutiert!“ Mehr oder weniger aus diesem Grund habe ich dieses Blog angefangen: Ich kann kurze Artikel über Dinge schreiben, was mir dabei hilft, Details auszuarbeiten. Und ich kann meine Gedanken äußern, sodass andere vielleicht einen Blick in meine Gedankengänge, meine Vorgehens- und Entscheidungsweise beim Entwickeln von Grammatik erhalten. Wenn sie Interesse haben. Jedenfalls alles in mundgerechten Stücken, wenn möglich.4

Um Kontext zu schaffen, müssen wir unermüdlich arbeiten und arbeiten und arbeiten. Und dieser Prozess läuft normalerweise darauf hinaus, dass er privat ist. Dieses Forum ist gut für kurze Fragen und die Gemeinschaftspflege; tiefgehende Fragen jedoch benötigen der Nachforschung außerhalb. Für eine Präsentation müssen wir entweder schon sehr viel Arbeit geleistet haben, um mit dem Webseiten-Ansatz durchzukommen, oder wir müssen uns ein Ziel setzen, das um des Sprachenbastelns (oder Weltenbastelns) Willen über das Sprachenbasteln (und Weltenbasteln) hinausgeht.

Unermüdlich arbeiten? Naja, ganz allein eine ganze Welt zu erschaffen muss sehr anstrengend sein und braucht Ewigkeiten, wenn man ein gewisses Maß an Tiefe erreichen will. Leute sagen mir, dass sie meine Arbeit bewundern, aber sollten sich bewusst sein, dass – glaube ich – meine Arbeit nur ein gewisses Maß an Qualität erreicht hat, weil ich mich schon seit etwa 8 Jahren damit beschäftige. Welche Ziele jenseits des „Sprachenbastelns (oder Weltenbastelns)“ sollte ich jedoch verfolgen? Eines habe ich vielleicht schon genannt: Selbstbildung und den kleinen Wissenschaftler in sich herauszulassen, um seine Neugier zu befriedigen.

Wenn ich einmal eine relativ detaillierte Sprache erschaffen habe, fällt es mir schwer, sie wegzuwerfen und nicht zu benutzen.

Was Vecfaranti oben schreibt, kann ich bestätigen. Es ist auch der Grund, warum ich hartnäckig an Ayeri hänge, obwohl andere mir geraten haben, mit etwas Neuem anzufangen, zum Beispiel um eine parallele Sprache zu erschaffen, oder mehrere weniger detaillierte parallele Sprachen, um Wörter daraus zu entlehnen. Vielleicht werde ich einige Tochtersprachen schaffen, wenn dazu komme, eine Entwicklungsgeschichte meiner Kunstsprache aufzustellen. Aber bisher war ich sehr zögerlich, dies auch nur zu versuchen. Es ist dennoch definitiv eines meiner Ziele, auch, wenn weitere 10 Jahre vergehen müssen (und ich dann noch das Interesse für diesen Kram habe).

  1. Zum Beispiel bukoya ‚Bibliothek‘ → ‚Webserver‘
  2. Zum Beispiel narakahu ‚Telefon‘ ← nara ‚sprechen‘ + kahu ‚fern‘ (vgl. Amtsdeutsch Fernsprecher)
  3. Ich habe vor einigen Jahren eine Karte gezeichnet, aber daraus ist nicht viel geworden. Auch variiert die Technologiestufe meines Volkes sehr viel.
  4. Dieser und die letzen paar Beiträge über Grammatik in Ayeri sind allerdings ziemlich lang geworden…